Das wandernde Mahnmal – ein Zeichen von Schüler/innen des Gymnasiums Kurzwiese gegen das Vergessen und für unsere Verantwortung gegenüber dem Schicksal der Opfer des Nazifaschismus in Eisenstadt

 

„In unserer Schule gab es 13 jüdische Schüler und Schülerinnen, die Opfer des Zweiten Weltkrieges und dessen Grausamkeiten geworden sind. Um ihrer zu gedenken, möchte ich ein Denkmal in jede Klasse, in der einer dieser Schüler/innen war, setzen. Dies ist jedoch nicht alles. Denn das Denkmal bleibt nicht in derselben Klasse, nachdem das Schuljahr vorbei ist, sondern steigt mit der Klasse auf, bis es endlich selbst die Matura erreicht hat. Schließlich sollen die Denkmäler der Schüler nicht auf ewig dazu „verdammt“ sein, in derselben Klasse zu bleiben.“

So beschreibt Brigitte Ibasich, die gemeinsam mit Berill Karlovits, beide Schülerinnen der Kunstklasse 7D des Gymnasiums Kurzwiese Eisenstadt für Konzept und künstlerische Gestaltung dieses Projektes verantwortlich zeichnet, ihre Idee.

 

Die 13 Buchobjekte des wandernden Mahnmals nehmen Bezug auf Rachel Whitereads Mahnmal am Wiener Judenplatz, das eine nach außen gekehrte, nicht zugängliche Bibliothek darstellt („nameless library“)[1]. Unzählige Ausgaben des scheinbar selben Buches schauen mit dem Buchrücken nach innen, sodass man die Geschichten der einzelnen Opfer, für die diese Bücher stehen, nicht mehr erzählen kann. Ähnlich dem Mahnmal am Judenplatz kann man auch die Bücher des wandernden Mahnmals, die Schicht um Schicht in weiße Farbe getaucht wurden, nicht mehr öffnen. Somit wirkt es ein bisschen so, als ob man die Bücher aus der Bibliothek von Rachel Whiteread herausgenommen hätte. Da wir die 13 Namen der Schülerinnen und Schüler kennen, die 1938 aus der Schule „ausgetreten“ sind, so steht das im Klassenkatalog von 1938 im Schularchiv, wurde jedes Buch mit einem Namen beschriftet. Am Bucheinband findet sich unübersehbar auch ein QR Code, über den man unmittelbar genaue Informationen zum entsprechenden Schüler, zur entsprechenden Schülerin erhalten kann.

 

Genau an diesem Punkt greifen Konzept, künstlerische Umsetzung und historische Forschung ineinander und fügen sich zu einer Einheit. Gemeinsam mit der burgenländischen Forschungsgesellschaft haben sich Schülerinnen und Schüler des Wahlpflichtfachs Geschichte und politische Bildung auf Spurensuche begeben und den weiteren Lebensweg der 13 und deren Schicksale erforscht. Zu diesen Geschichten wird man nun über den QR Code auf die Homepage der Schule weitergeleitet, umrahmt von Konzept und Idee zum Mahnmal.  Die Spurensuche führte ins Schularchiv und zu Aufzeichnungen bereits bestehender Nachforschungen der burgenländischen Forschungsgesellschaft. Verstörend für Schüler/Innen und Lehrerinnen gleichermaßen war die Feststellung, dass 13 junge Menschen, die aufgrund ihres mosaischen Glaubens die Schule in einem Zeitraum von März bis April 1938 verlassen mussten, ohne weitere Begründung und ohne Kommentar mit dem Vermerk „ausgetreten“ versehen wurden. Auch im Protokoll der Lehrerkonferenz von damals sind dazu keine weiteren Ausführungen zu finden.

 

Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass Frau Langer, die Tochter einer dieser Schülerinnen, ALICE BERENYI, zufällig mit ihrer Enkeltochter auf der Suche nach ihren Wurzeln nach Eisenstadt gekommen war. Sie hat von sich aus Kontakt mit der burgenländischen Forschungsgesellschaft aufgenommen, gleichzeitig mit uns. Bei einem Besuch im Unterricht hat sie in beeindruckenden Worten den langen und schwierigen Weg ihrer Mutter und der ganzen Familie erzählt. Sie selbst lebt nun in Israel und ein Großteil der Familie in der Schweiz.  „Findet meine Mutter doch noch einen Platz in dieser Schule“ war ihr bewegender Kommentar, als sie eines der Bücher in den Händen hielt.

 

Am 9. November wurde das Mahnmal in einem Festakt an der Schule „seinen“ Klassen vorgestellt, und die Mahnmale wurden feierlich den jeweiligen Klassensprecher/innen und den Klassenvorständ/innen übergeben. Jetzt sind sie, ganz der Ausgangsidee von Brigitte Ibasich entsprechend, Teil einer Klasse – kein Ersatz für die 13 Schülerinnen und Schüler aber eine stetige Erinnerung an deren Geschichte.

 

Erstmals öffentlich präsentiert wurde das „Wandernde Mahnmal“ bei der Konzertreihe „himmel&haydn“ am 4. November 2018 in der Bergkirche in Eisenstadt.

 

Intensiv betreut und begleitet wurde das Projekt von MMag. Gerda Aigner-Silvestrini – Bildnerische Erziehung und Mag. Birgit Steiner – Geschichte und Politische Bildung, nachdem die Frage nach dem jüdischen Leben an unserer Schule und in Eisenstadt von Pater Achim Bayer – Lehrer für katholische Religion aufgegriffen worden war. Valentin Haberl BEd, (Informatik) hat die Informationen über die QR Codes mit unserer Homepage verlinkt.

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MMag. Gerda Aigner-Silvestrini

Mag. Birgit Steiner

Dir. Mag. Karin Rojacz-Pichler

 

[1] vgl. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Mahnmal_für_die_österreichischen_jüdischen_Opfer_der_Shoah

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